Stellungnahme zur neuen EU Regelung bezüglich Titanweiss

EU kommt mit Regelung zu Titanweiss !
Das ist aus unserer Sicht vor allem eine Chance.
 
Per Oktober 2021 gibt es eine Kennzeichnungspflicht für titanweisshaltige Produkte.
Die Folge, viele Produkte verlieren ihre Umweltauszeichnungen.
Titanweiss selbst wird es aber weiterhin geben.
 
Die Branche stöhnt, aber wie beurteilen wir die Situation?
Die Begründung der EU der Stoff sei kanzerogen halte ich persönlich für sehr schwierig. Wie ein Calcina Mitglied, das schon seit vielen Jahrzehnten Farben herstellt, vermerkt, "in all den Jahren, in denen wir Farben herstellen, haben wir noch keinen einzigen Krankheitsfall erfahren".
 
Aus meiner Sicht gibt es aber schwerwiegende Gründe und zwar sowohl gesundheitliche wie vor allem aber gestalterische für eine Einschränkung von Titanweiss.
So ist das Titanweiss ein Homogenisator und Gleichmacher, es hat zum vollständigen weltweiten Verlust lokaler Identität geführt. Räume sind von Hongkong bis Auckland und von Perth bis Lissabon im gleichen Titanweiss gehalten. Eine weisse Wüste, habe ich das mal genannt, das sogenannte Lokalkolorit ist so erfolgreich ausgerottet worden.
Dann sind die Umweltbelastungen und der Energieverbrauch der Ressource Titanweiss enorm.
 
Ist Titanweiss unersetzlich?
 
Als Kalkverarbeiter und artisanaler Farbenhersteller habe ich deshalb schon früh nach Alternativen gesucht und bin beim Ursprünglichen, beim Kalk fündig geworden. So sind bei uns schon seit fast 30 Jahren alle Wand- und Deckenfarben, titanweissfreie Pigmentfarben,  also alle Leimfarben, Kaseinfarben und sowieso die Kalkfarben sind konsequent titanweissfrei. Nicht nur, dass wir das Titanweiss dabei nicht vermisst haben, ganz im Gegenteil haben wir die wunderbaren Qualitäten, der von uns anstelle von Titanweiss verwendeten Kreiden, Porzellanerden, Gessi, Marmormehle und die verschiedenen Sumpfkalke usw., und damit die einmaligen Qualitäten die Räume mit dieser neuen Sprache erhalten, schätzen gelernt und möchten diese auch nicht mehr missen.
 
Auch im Holzbehandlungsbereich bei Lacken und Ölfarben haben wir schon vor einiger Zeit mit Kalk experimentiert, denn in den öligen Bindemitteln wird es nicht unmöglich, aber doch schwierig titanweissfrei zu arbeiten. Als gestalterische  Gegensprache zu all den mineralischen Oberflächen an Wänden und Decken haben die fettigen Ölfarben immer geschätzt. Dennoch werden wir unsere Forschungen in Richtung Kalklack jetzt intensivieren. Wir sind zuversichtlich, sehr gute Lösungen bereitstellen zu können.
 
In unseren Verputzen wollten wir von Anfang an die klare Sprache natürlicher Oberflächen. Es wäre uns nie in den Sinn gekommen, diese durch Titanweiss zu verfälschen.
 
Es macht sicher Sinn, die Regelung als Chance zu verstehen. Mit unserem Kalk sind wir hier schon mal in guter Position, um Echtem und Natürlichem in unserem Umfeld zu mehr Raum zu verhelfen. 
 
 
 
"Titanweiss ist das meistverwendete weisse Pigment. Es ist omnipräsent, findet sich in Papier, Farben, plastifizereten weissen Oberflächen, ja sogar in Zahnpasta, in Kosmetik und natürlich in fast allen weissen Farben und Verputzen, wo es für die grässliche Langeweile toter weisser Räume, die dann weltweit alle gleich aussehen zuständig ist. 
Aber auch in allen bunten Farben ist fast immer ein Anteil an Titanweiss mit drin, der sorgt dafür, dass die Farben auch schön homogen sind, also so wie sie in der Natur nie sind.
 
Die Millionen km2 monochromweisser Oberflächen in unseren Lebensräumen stehen in scharfem Kontrast zu humansensorischen Bedürfnissen und überblenden alles. Die Herstellung ist energieintensiv, die Ressource dementsprechend teuer. Der grosse Vorteil von Titanweiss sah man darin, dass es ohne zu reagieren in jedes Medium verwendet werden kann, ob alkalisch, sauer, anorganisch oder organisch usw, pigmentologisch ist es damit einzigartig. In Nanopartikeln ist es heute in Sonnencremen und in unserem Organismus. Es gibt berechtigte Anhaltspunkte, die einen Zusammenhang von Titanweiss mit Demenz herstellen und gem. EU soll es nun also kanzerogene Eigenschaften haben. Ökologisch betrachtet, galt es bis anhin als nicht schädlich, allerdings entstehen bei der Herstellung schädliche Stoffe die gem. Angaben der Industrie recycliert und wiederverwendet werden. Da die Herstellung energieintensiv ist, entsteht in der Produktionskette eine erhebliche Menge an Grauenergie. Nimmt man den Preis als Referenz, so kann man davon ausgehen, dass der Energieverbrauch bei der Gewinnung etwa 10x höher ist als jener von Sumpfkalk. Eine genauere Untersuchung dazu wäre sinnvoll.“
 
Carlo Vagnières für Calcina März 2020